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Die europäischen Mächte diskutieren über die Aufteilung des Kongos

Kapitel I Wettlauf um Afrika

1884

Am 15. November 1884 lädt der deutsche Reichskanzler Bismarck die europäischen Großmächte und Vertreter der USA und des Osmanischen Reiches zu einer Konferenz nach Berlin. In seiner Eröffnungsrede betont Bismarck, „dass alle eingeladenen Regierungen den Wunsch teilen, den Eingeborenen Afrikas den Anschluss an die Zivilisation zu ermöglichen“. Vor allem soll die Berliner Afrika-Konferenz Klarheit über die Verteilung der Kolonialterritorien bringen, entstandene Grenzkonflikte lösen und so Frieden zwischen den Europäern wahren. Zuvor waren viele Entdecker und Handelskaufleute nach Afrika aufgebrochen, um im Auftrag europäischer Herrscher oder auf eigene Rechnung große Landstriche aufzukaufen.

Karte Europäische Kolonien in Afrika um 1900

Belgien 

Deutschland 

Frankreich 

Großbritannien 

Portugal 

Spanien 
Das Abschlussdokument der Konferenz: Die Kongoakte, 1885

Vor einer fünf Meter hohen Wandkarte feilschen die Großmächte mehrere Monate um die Aufteilung des Kontinents. Besonders begehrt ist das Kongobecken: Sowohl Frankreich, als auch Großbritannien wollen sich dadurch ein zusammenhängendes Gebiet auf dem afrikanischen Kontinent sichern. Doch dank guter Lobbyarbeit fällt der größte Teil des Kongobeckens an König Leopold II. von Belgien. Er nennt seine neue Privatkolonie Kongo Freistaat. Der westliche Teil geht als Französisch-Kongo an Frankreich. Das Gebiet des heutigen Kameruns fällt zunächst an das deutsche Kaiserreich. Dass die willkürlichen Ländergrenzen keine Rücksicht auf geographische oder kulturelle Grenzen nehmen, beunruhigt niemanden.

Bismarck verteilt Afrika als Kuchenstücke
Die Bevölkerung wurde von den Kolonialherren zum Sammeln von Elfenbein gezwungen

Kapitel II Die Kolonie des Königs

1900

König Leopold II. entdeckt schnell die Vorzüge seiner Privatkolonie und beutet systematisch ihre Rohstoffe aus: Er begehrt das Weiße Gold, kostbares Elfenbein, das er für einen Spottpreis den Einheimischen abkauft.

Karte Der belgische König Léopold II. herrscht von 1885 bis 1908 in seiner Privatkolonie Kongo-Freistaat

1888 macht der britische Tierarzt John Dunlop eine revolutionäre Erfindung: Sein luftgefüllter Gummireifen lässt Kautschuk zum neuen Exportschlager werden. Um die Nachfrage zu stillen, regieren die Kolonialherren ohne Erbarmen: Zehntausende Menschen werden von der Force Publique, den Söldnern des belgischen Königs, verschleppt und zum Sammeln von Kautschuk gezwungen. Wer die Quoten nicht erfüllt, dem drohen drakonische Strafen. Die Chicotte, eine Peitsche aus Nilpferdhaut, wird zum Symbol des weißen Terrors. Frauen werden entführt und vergewaltigt. Dörfer, die Widerstand leisten, niedergebrannt. Das brutale System beschert reiche Einnahmen und richtet ein ganzes Land zugrunde.

Zwangsarbeiter ritzen die Rinde eines Kautschukbaums, um Latex für die Gummiherstellung zu gewinnen
Red Rubber ist der entblößende Bericht von Edmund Dene Morel über die Kongogräuel

Edmund Dene Morel, ein britischer Journalist, deckt durch Zufall die Kongogräuel auf. In seinen Aufzeichnungen schreibt er: „ […] Mir wurde schwindlig und übel, als mir die Bedeutung meiner Entdeckung bewusst wurde. Es ist schlimm genug, zufällig einen Mord aufzudecken. Ich aber war zufällig auf eine Gesellschaft von Mördern gestoßen, deren Komplize der König selbst war.“ Im Sommer 1900 veröffentlicht er in der Zeitung The Speaker einen Bericht über die Gewaltherrschaft im Kongo Freistaat. Als auch Missionare beginnen, Berichte und Fotos über diese Verbrechen nach Europa zu schmuggeln, zwingt der mediale Aufschrei den belgischen König zum Handeln: 1908 verkauft Leopold II. seine Privatkolonie an das belgische Volk und aus dem Kongo Freistaat wird der Belgische Kongo.

Pierre de Brazza liebte den afrikanischen Kontinent und seine Bevölkerung

Kapitel III Ein Bericht verschwindet

1905

Pierre Savorgnan de Brazza schuf mit seinen Expeditionen im Kongobecken die Voraussetzungen für die spätere Kolonie Französisch-Kongo. 1885 wird der Forschungsreisende zu ihrem Generalkommissar ernannt. Er baut eine Infrastruktur auf, gründet Krankenhäuser und Schulen, setzt sich für die einheimischen Arbeiter ein. Im Gegensatz zur belgischen Terrorherrschaft auf der anderen Uferseite des Flusses gilt das französische Kolonialreich als Vorbild. Im Jahr 1898 erfährt de Brazza von seiner Entlassung als Generalkommissar. Er hatte sich mit den französischen Kolonialherren angelegt, weil er sich gegen eine Ausbeutung der Bodenschätze auf Kosten der Bevölkerung aussprach.

Karte Auf der westlichen Seite des Flusses Kongo liegt die französische Kolonie, am östlichen Flussufer die Kolonie des belgischen Königs

Belgischer Kongo 

Französischer Kongo 
Louis Vuitton fertigte für de Brazza ein Kofferbett für dessen Expeditionen an. Brazza Portrait: Pietro di Serego Alighieri (Archivio Storico Capitolino).

Nach den Medienberichten über den Freistaat Kongo schickt die französische Regierung de Brazza 1905 erneut nach Afrika. Er soll berichten, dass die Lebensbedingungen in der Kolonie keineswegs den skandalösen Zuständen im belgischen Kongo Freistaat entsprechen. Doch de Brazza findet das Gegenteil davon vor: eine willkürliche Gewaltherrschaft. Er ist fassungslos darüber, was aus dem Land geworden ist, das er so sehr liebt. Private Konzessionsfirmen haben die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes übernommen: Um die Exportgüter aus dem Urwald im Nordwesten des Landes zu den Hafenstädten zu bringen, stellen sie Trägerkolonnen zusammen. Männer werden brutal gezwungen, ihre Familien zu verlassen. Die gesamte Bevölkerung wird entwurzelt, jahrhundertelang gewachsene Familien- und Gesellschaftsstrukturen werden zerstört. De Brazza fasst seine Erkenntnisse über die brutalen Praktiken der französischen Kolonialherren in einem ausführlichen Bericht zusammen, verstirbt jedoch kurz darauf auf der Rückreise nach Frankreich. Sein entlarvendes Papier verschwindet in den Staatsarchiven.

Im Kongo werden jedes Jahr Millionen Tonnen Buschfleisch gegessen - auch Affen

Kapitel IV Vom Affen zum Menschen

1908

Die Antwort auf die Frage, wann sich der erste Mensch infiziert haben könnte, beschäftigt Wissenschaftler seit Jahrzehnten. Denn Erkenntnisse über den Ursprung des HI-Virus können dabei helfen, ihn besser zu verstehen und zu bekämpfen. Nach aktuellem Forschungsstand hat das Virus um das Jahr 1908 angefangen sich im Menschen auszubreiten.

Karte Nach heutigem Erkenntnisstand fand die Erstübertragung des HI-Virus im Südosten Kameruns statt

HIV-Proben aus dieser Zeit gibt es keine. Da Viren sich jedoch beständig verändern, konnte der amerikanische Wissenschaftler Professor Michael Worobey anhand zweier HIV-positiver Proben aus den Jahren 1959 und 1960 errechnen, wann die enthaltenen Viren ihren gemeinsamen Vorfahren hatten. Seine Berechnungen ergeben den Zeitraum 1884 bis 1924, die größte Übereinstimmung liegt um das Jahr 1908. Damals gab es die ersten Infizierten, denen mehr als 70 Millionen folgen sollten.

Der Sangha, ein Nebenfluss des Kongo, ist für die Schimpansen eine natürliche Grenze

Dass das Virus von afrikanischen Menschenaffen stammt, wurde schon lange vermutet. Doch auch der genaue Ort der Erstübertragung von Affe auf Mensch lässt sich genauer bestimmen: Schimpansen bleiben über Generationen an einem Ort, begrenzt durch Flüsse - denn sie meiden das Wasser. Das Team um die deutsch-stämmige Wissenschaftlerin Beatrice Hahn sammelte jahrelang Stuhlproben von Schimpansen, bei denen sie das SI-Virus, die tierische Form des HI-Virus, nachweisen konnten.

Nur mit viel Geduld finden einheimische Forscher im Regenwald Affenkot. Dieser birgt wichtige Erkenntnisse über die Entwicklungsgeschichte des HI-Virus

Hahn ermittelte unterschiedliche Virustypen, die über Generationen innerhalb der Affenkolonien weitergereicht wurden. Nur einige davon sind auf den Menschen übergesprungen. Die meisten Patienten sind mit einer bestimmten Form von HIV infiziert - HIV1M. Diese kommt der Form von SIV am nächsten, mit der Schimpansen in den Regenwäldern im Südosten Kameruns infiziert sind. Der erste Mensch muss sich also in diesem Gebiet mit dem Virus angesteckt haben. Erreger, die eigentlich Wildtiere infizieren, werden vorwiegend bei dem Verzehr oder der Zubereitung von rohem Buschfleisch übertragen. Vor allem kleine Verletzungen beim Ausnehmen der Tiere können zu einer Infektion führen.

Ein Kolonialarzt vergibt vor den Impfungen Nummern an die Patienten

Kapitel V Der tödliche Schlaf

1917

Die Schlafkrankheit entvölkert im 20. Jahrhundert in Afrika ganze Gebiete. Vor allem in den überfüllten Camps der Trägerkolonnen und Plantagenarbeiter breitet sich die tropische Infektionskrankheit aus. Sie wird durch den Stich der Tsetse-Fliege übertragen und befällt das Lymph- und Nervensystem. Nach einem schleichenden Verlauf mit Anschwellen der Lymphknoten und Fieber führt die Schlafkrankheit zu einem tödlichen Dämmerschlaf.

Die Tsetsefliege ist Überträger der Schlafkrankheit

Aus Furcht ihre wertvollen Arbeitskräfte zu verlieren, begegnen die Kolonialmächte der Schlafkrankheit mit massiven medizinischen Kampagnen; Ärzte verabreichen tausenden Menschen Injektionen. Allein in den Jahren 1917 bis 1919 behandelt der französische Arzt Eugène Jamot in Französisch-Äquatorialafrika 5347 Fälle von Schlafkrankheit. Die Einwegspritze gehört damals noch nicht zum medizinischen Standard: Jamot verwendet bei dieser Impfkampagne lediglich sechs Spritzen. Dennoch waren seine Behandlungen oft auch erfolgreich, nur wenige seiner Patienten versterben an der Schlafkrankheit.

Bei den Impfungen gegen die Schlafkrankheit wurden keine sterilen Nadeln verwendet und somit oft unbemerkt Krankheiten übertragen

Der kanadische Epidemiologe Jacques Pépin errechnete, dass in Französisch-Äquatorialafrika allein 3,9 Millionen Impfungen gegen die Schlafkrankheit verabreicht wurden – die meisten davon mit nicht-sterilen Nadeln. Auch andere Krankheiten wie Lepra und Malaria wurden mit Injektionen behandelt. Es liegt nahe, dass sich der HI-Virus auf diesem Wege weiter ausbreitete - nur ein einziger Infizierter konnte somit unbemerkt viele weitere Menschen anstecken.

Karte Die Schlafkrankheit tritt vor allem südlich der Sahara auf, dem Lebensraum der Tsetsefliege

Nach Schätzungen der WHO sind auch heute noch mehr als 500.000 Menschen in Afrika an der Schlafkrankheit erkrankt. Sie tritt ausschließlich in den Ländern südlich der Sahara auf, weil nur dort Tsetsefliegen vorkommen, die die Krankheit übertragen. Insbesondere in Ländern mit einer instabilen politischen Lage hat die Zahl der Neuinfektionen in den vergangenen Jahren zugenommen. In den behelfsmäßigen Flüchtlingslagern leben die Menschen in katastrophalen Verhältnissen auf engstem Raum - die ideale Voraussetzung für die Ausbreitung von Krankheiten.

Erreger der Syphilis ist das Bakterium Treponema pallidum, das durch kleinste Verletzungen der Haut in den Körper eindringt

Kapitel VI Kampf gegen Syphilis

1929

Mit den Kolonialherren reist die Syphilis als blinder Passagier von Europa nach Afrika. Die bakterielle Infektionskrankheit wird hauptsächlich durch Geschlechtsverkehr übertragen und führt im Endstadium zur Zerstörung des zentralen Nervensystems. Während Menschen in den ländlichen Gebieten Afrikas vor allem von der Schlafkrankheit bedroht sind, breiten sich in den städtischen Ballungsräumen Geschlechtskrankheiten rasend schnell aus. Es sind vor allem junge Männer, die es in diesen Jahren auf der Suche nach Arbeit in die rasch wachsenden Großstädte zieht. Léopoldville, das heutige Kinshasa, wächst ab 1923 zu einer Metropole heran und ist schon bald darauf die größte Stadt in Zentralafrika. 1960 leben dort bereits 400.000 Einwohner, davon überwiegend Männer. Die Prostitution boomt. Anfänglich betreiben die Ndumbas, die freien Frauen, noch ein Geschäft mit einem verhältnismäßig „geringen Risiko“. Jede Frau hat drei bis vier Stammkunden, die sie nicht nur finanziell versorgen, sondern mit denen sie auch ihre Freizeit verbringt. Doch die zunehmende Prostitution in den Städten wird schnell zu einem Katalysator für die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten.

Ein zeitgenössisches Plakat zeigt die typischen Anzeichen einer Syphiliserkrankung

Um die Epidemie einzudämmen, richtet das kongolesische Rote Kreuz 1929 zwei Kliniken in Kinshasa ein, die Dispensaires Antivénérien. Sie sind auf die Bekämpfung sexuell übertragbarer Krankheiten spezialisiert. Dort verabreichen Ärzte in den 1930ern und 1940ern jährlich rund 50.000 Injektionen mit Arsenverbindungen, in den 1950ern sogar 100.000. Viele davon sind unnötig - die verwendeten Tests für Geschlechtskrankheiten sind ungenau. Einige Patienten sterben nach der Behandlung an einer Vergiftung. Doch die weitaus größere Bedrohung bleibt weiterhin unentdeckt: Die zunehmende Prostitution, die sich ausbreitende Syphilis und die Vielzahl an nicht sterilen Injektionen begünstigen in diesen Jahren auch eine rasche Verbreitung des noch immer unerkannten HI-Virus: Die typischen Verletzungen im Genitalbereich bei einer Syphiliserkrankung erhöhen das Risiko einer HIV-Infektion um das bis zu 400-fache.

Lumumba, erster Ministerpräsident des unabhängigen Kongo, wird zur Symbolfigur im Kampf gegen die Unterdrückung

Kapitel VII Der Kongo feiert

1960

Am 30. Juni 1960 erlangt der Kongo seine Unabhängigkeit von der belgischen Kolonialmacht. Der öffentliche Druck auf Belgien war groß, die antikolonialen Strömungen zu stark. Doch auch bei der Unabhängigkeitsfeier zeigen sich die alten Konflikte: Während der belgische König Baudouin die Errungenschaften unter kolonialer Herrschaft lobt, kritisiert der rechtmäßig gewählte Ministerpräsident Patrice Lumumba mit scharfen Worten die Unterdrückung durch die Belgier.

In der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa feiern am 30. Juni 1960 Tausende die Unabhängigkeit ihres Landes
Karte Die Grenzen der 1960 gegründeten Demokratischen Republik Kongo bestehen bis heute
[...] Wir haben Spott, Beleidigungen und Schläge kennen gelernt, die wir morgens, mittags und abends ertragen mussten, weil wir Schwarze sind. [...]
Lumumbas Rede beim Festakt löste Empörung aus, König Baudouin will den Kongo sofort verlassen

Die ausgelassenen Feiern schlagen schon kurz darauf in einen Bürgerkrieg um, der als Kongo-Wirren in die Geschichte eingeht. Teile des Landes versuchen sich abzuspalten, im Osten kommt es zu einer Rebellion. Weiße Söldner wüten im Land. Patrice Lumumba wird entmachtet und später ermordet. 1965 putscht sich Armeechef Mobutu Sese Seko an die Macht – bis 1997 wird er sein autoritäres Regime aufrecht erhalten.

Während der chaotischen 1960er Jahre verbreiten Soldaten, Vertriebene, Wanderarbeiter und Prostituierte unbemerkt das HI-Virus. Vor allem die Prostituierten haben jetzt nicht mehr nur drei oder vier Freier, sondern mehr als 1000 Männer jährlich und werden so ungewollt zu Multiplikatoren.

Kurz nach der Unabhängigkeitserklärung versinkt der Kongo in Chaos und Zerstörung

Aus dieser Zeit stammen auch die ältesten HIV-positiven Proben: Im Jahr 1959 wird einem Mann in Léopoldville Blut entnommen – die Probe stellt sich als HIV-positiv heraus und wird später unter dem Namen ZR59 als bislang älteste Probe bekannt. Die zweite Probe aus dieser Zeit, DRC60, stammt aus dem Jahr 1960. Ein Paraffinwürfel, der von dem Team um Mike Worobey, Dirk Teuwen und Jean-Jacques Muyembe in einem Pathologielabor an der Universität Kinshasa gefunden wurde. Damals wurden Gewebeproben unbekannter Krankheiten in Paraffinwachs gegossen, um sie vor dem Verfall zu bewahren.

Nachdem die Belgier ihr Personal abziehen, arbeiten Fachkräfte aus Haiti im Kongo

Kapitel VIII HIV in Haiti

1966

In der noch jungen Demokratischen Republik Kongo gibt es nach der Unabhängigkeit nur wenige Fachkräfte, die belgischen Kolonialherren hatten kaum Einheimische ausgebildet und das eigene Personal abgezogen. Deshalb rufen die Vereinten Nationen zur internationalen Unterstützung des afrikanischen Staates auf. Tausende Facharbeiter, darunter viele Lehrer und Ärzte, reisen in den folgenden Jahren von Haiti in den Kongo, um dort für die UN zu arbeiten.

Karte Fast 10.000 Kilometer trennen den karibischen Inselstaat Haiti von der Demokratischen Republik Kongo

Wahrscheinlich ist es einer von ihnen, der zwischen 1962 und 1970 aus Afrika auf die Karibikinsel zurückkehrt und so unbemerkt das HI-Virus nach Haiti bringt. Es ist der erste Schritt des tödlichen Virus vom afrikanischen Kontinent in die neue Welt und zugleich der Beginn seiner globalen Ausbreitung. In Haiti, damals und heute eines der ärmsten Länder der Welt, mit geringer Bildung und einer schlechten Gesundheitsversorgung, zirkuliert das Virus einige Jahre unentdeckt. Dabei gelangt es wahrscheinlich auch in Blutkonserven - ein Faktor, der die Verbreitung des Virus beschleunigt. Von Haiti findet das HI-Virus schließlich seinen Weg nach Nordamerika - über verkauftes Blutplasma und gleichgeschlechtlichen Sextourismus.

Mit kontaminierten Blutkonserven werden zahlreiche Personen mit dem HI-Virus infiziert

Auch heute noch stellt der HI-Virus eine große gesundheitliche Gefährdung für die haitianische Bevölkerung dar. Der Inselstaat hat eine der höchsten HIV-Raten außerhalb Afrikas: Von den zehn Millionen Einwohnern waren im Jahr 2013 rund 140.000 Menschen mit dem HI-Virus infiziert.

HIV-Infizierte finden oft nur bei ihren Familien Trost

Kapitel IX Aids macht Schlagzeilen

1981

Seltener Krebs bei 41 Homosexuellen gesichtet - titelt die New York Times am 3. Juli 1981 und schreibt damit Geschichte: Die Schlagzeile geht um die Welt. Fünf homosexuelle Männer im Raum Los Angeles leiden an einer seltenen Lungenerkrankung, die meist Menschen mit einem schwachen Immunsystem befällt. Kurz danach tritt in New York das Kaposi-Sarkom gehäuft unter Homosexuellen auf. In der Öffentlichkeit bricht Hysterie aus und schlägt schnell in eine Diskriminierung von Homosexuellen um. Doch schon bald tauchen immer mehr Patienten auf: Auch Drogenabhängige, Patienten nach Bluttransfusionen, Neugeborene und heterosexuelle Frauen erkranken. 1982 erhält die Krankheit ihren heutigen Namen Acquired Immune Deficiency Syndrome, erworbenes Immundefektsyndrom, kurz AIDS. Ende 1982 weiß man von 14 Ländern, in denen die Krankheit aufgetreten ist. Deutschland ist auch darunter.

Luc Montagnier und sein Team entdecken 1983 am Institut Pasteur, dass die Ursache für die mysteriöse Erkrankung eine Virusinfektion ist

1983 veröffentlicht eine französische Forschergruppe um die Virologen Luc Montagnier und Françoise Barré-Sinoussi eine Forschungsarbeit, in der erstmalig das HI-Virus beschrieben ist. 2008 erhalten sie für diese den Nobelpreis für Medizin. Nach und nach werden die Übertragungswege des tödlichen Virus bekannt: Durch direkten Blutkontakt, Geschlechtsverkehr und Mutter-Kind-Übertragung kann das Virus weitergegeben werden. Die Hoffnung auf ein Medikament ist groß, wird aber schon bald enttäuscht. In der Zwischenzeit häufen sich die Krankheitsfälle. 1983 sind in den USA 3.000 Menschen mit dem HI-Virus infiziert, über 1.000 von ihnen sind bereits gestorben.

Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) führt bei einer Infektion zu einer starken Schwächung des Immunsystems, sodass jeder Erreger für den Körper lebensbedrohlich wird
Doctors in New York and California have diagnosed among homosexual men 41 cases of a rare and often rapidly fatal form of cancer.
Dieser Artikel der New York Times vom 3. Juli 1981 löste eine Hysterie aus

Der Tod des Schauspielers Rock Hudson rüttelt 1985 die Öffentlichkeit auf. Erst jetzt wird den Menschen klar, dass AIDS jeden treffen kann, auch Prominente und den Nachbarn von nebenan. In seinem Buch „And the Band Played On“ kritisiert Randy Shilts 1987 den US-Präsidenten Ronald Reagan für seine Ignoranz und Zögerlichkeit im Umgang mit AIDS. Shilts glaubt, dass der Tod von hunderttausenden Menschen hätte verhindert werden können, wenn die Regierung schnell und entschieden reagiert hätte. In den USA ist AIDS 1995 die häufigste Todesursache bei Männern zwischen 25 und 44 Jahren.

Lange bevor es Infizierte in Europa und den USA gibt, fordert das HI-Virus in Afrika Tote

Kapitel X Reise nach Kinshasa

1983

Der belgische Arzt und Mikrobiologe Dr. Peter Piot arbeitet von 1980 bis 1982 am Institut für Tropenmedizin der Universität Antwerpen. Dort behandelt er die ersten AIDS-Patienten. Bei seinen Untersuchungen wird er stutzig: Unter den Infizierten sind überwiegend Kongolesen und Europäer, die im Kongo lebten. Wenn so viele Patienten mit dieser neuen Erkrankung aus dem Kongo die weite und kostspielige Reise in Europas Krankenhäuser antreten - wie viele Patienten muss es dann erst im Kongo geben?

Im Mama Yemo Hospital in Kinshasa häufen sich in den 1980er Jahren ungeklärte Todesfälle
Peter Piot widmet sein Leben dem Kampf gegen AIDS. In diesem Interview sagt er, warum

Piot entschließt sich 1983 nach Afrika zu reisen, um seiner Vermutung nachzugehen. Im Mama Yemo Krankenhaus in Kinshasa werden seine schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen: Innerhalb weniger Tage trifft er auf dutzende AIDS-Patienten – sowohl Männer als auch Frauen liegen mit den Symptomen der Immunschwächeerkrankung im Sterben. „Als wir aus dem Krankenhaus gingen, fehlten mir die Worte”, erinnert sich Piot 2013 bei einem Vortrag an der Harvard School of Public Health in Boston. „Ich hatte dieses starke Gefühl in mir. Aber es war nicht das positive Glücksgefühl, wenn man eine große wissenschaftliche Entdeckung gemacht hat. Es war die überwältigende Einsicht, dass wir einer echten Katastrophe gegenüberstehen. Plötzlich wurde mir klar, dass die Epidemie fortan mein Leben verändern wird.“ Piot ist sich damals sicher, das Epizentrum der AIDS-Pandemie gefunden zu haben.

Medikamente ermöglichen inzwischen ein beschwerdefreies Leben - trotz HIV-Infektion

Kapitel XI Heute & Morgen

Heute

Das HI-Virus ist durch neue Medikamente inzwischen beherrschbar. Die aktuellen Kombinationsmedikamente sind im Hinblick auf die Verlängerung der Lebensdauer hoch effektiv – Infizierte können jahrzehntelang nahezu beschwerdefrei leben. Doch noch immer ist die Krankheit nicht heilbar, auch wenn einzelne Forschungsergebnisse erfolgsversprechend sind.

In vielen Ländern der Erde sind die Medikamente für Patienten noch immer unbezahlbar

Die Behandlung eines HIV-Patienten kostet rund 200 Dollar im Jahr und ist damit inzwischen wesentlich günstiger als noch vor einigen Jahren, aber noch immer unerschwinglich für Patienten in den ärmeren Ländern. Generika, billig hergestellte, wirkstoffgleiche Kopien der gängigen Medikamente, sind für diese Länder die einzige Möglichkeit, die Epidemie zu bekämpfen. Oft fehlen aber auch die nötige Infrastruktur und das medizinische Wissen, um eine flächendeckende Behandlung mit Antiretroviralen Medikamenten zu erreichen. Dabei liegt in der Versorgung mit Medikamenten der Schlüssel zur Verhinderung von neuen Krankheitsfällen: Die Zahl der Neuinfektionen durch Geschlechtsverkehr wird durch die Behandlung mit Medikamenten um bis zu 96 Prozent reduziert, auch die Übertragung von der Mutter auf den Säugling wird signifikant eingeschränkt.

Weltweite HIV-Infektionen Fahren Sie mit der Maus über ein Land, um die Zahlen im Detail zu betrachten

Daten: UNAIDS PROGRESS REPORT 2014

Fast jeder zweite HIV-Infizierte weltweit hat keinen Zugriff auf Medikamente

Bis Ende 2012 sind weltweit bereits 36 Millionen Menschen an AIDS verstorben. 25,3 Millionen leben mit dem HI-Virus – zwei Drittel davon im südlichen Afrika. Noch immer kommt es jährlich zu rund 3,4 Millionen Neuinfektionen. Nach Angaben des Robert Koch Instituts infizierten sich in Deutschland 2012 rund 3.400 Menschen mit HIV. In Asien und Osteuropa steigt die Zahl der HIV-Infizierten – auch wegen mangelnder Aufklärung. In der Zukunft wird es immer wieder neue Infektionskrankheiten geben, die den Menschen bedrohen. Das Erforschen und Verstehen des Ursprungs der AIDS-Pandemie kann helfen, künftig Epidemien frühzeitig zu entdecken und einzudämmen.

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Laut WHO infizierten sich 2013 zwei Millionen Menschen. Die angezeigte Zahl ist auf die Minute hochgerechnet.

  1. Die Kongokonferenz in Berlin, 15. November 1884 bis 26. Februar 1885, Holzstich nach Zeichnung von Adalbert von Rößler, 1884. akg-images

  2. Trägerkolonne mit Elfenbein am Fort Rousset (Congo), Bernard Lefebvre bekannt als Ellebé. Archive Nationales d’Outre-Mer

  3. Pierre de Brazza mit Männern und Frauen - Jacques de Brazza. Pietro di Serego Alighieri (Archivio Storico Capitolino)

  4. Material aus dem Film „AIDS - Erbe der Kolonialzeit” von Carl Gierstorfer

  5. Kampf gegen die Trypanosomiasis (Schlafkrankheit) - Vorbereitungen für die Impfung mit Arsen gegen die Schlafkrankheit. Archive Nationales d’Outre-Mer

  6. Das mikroskopische Bild zeigt den Erregernachweis in den Hoden von experimentell infizierten Hasen, Dr. Edwin P. Ewing, Jr., 1986. CDC - National Center for HIV/AIDS

  7. Verhandlungen über die Unabhängigkeit des Kongos in Brüssel: Lumumba zeigt seine verbundenen Handgelenke, die von Handschellen der belgischen Polizei verletzt wurden, 1960. akg-images

  8. National School of Law and Administration im Kongo wurde 1961 mit Hilfe der Vereinten Nationen in Léopoldville gegründet. Die Schule bildet Kongolesen aus, um Rechts- und Verwaltungsstellen zu erfüllen, Professor Jean Reynalds aus Haiti unterrichtet Mathematik, 1962, Leopoldville, Demokratische Republik Congo. UN Archive

  9. Eine Mutter umarmt ihren AIDS-kranken Sohn, Bruce Ayres. Getty Images

  10. Material aus dem Film „AIDS - Erbe der Kolonialzeit” von Carl Gierstorfer

  11. Nigeria, ein armes Land in Westafrika mit einer Bevölkerung von 140 Millionen Menschen, hat nach Indien und Südafrika die höchste Anzahl von HIV-Infizierten,Ton Koene, 2006. akg-images/ Horizons